30. März 1991: AC/DC in Frankfurt – eine Dorfrocker-Geschichte

Heute vor 30 Jahren habe ich mein erstes großes Konzert besucht: AC/DC in der Festhalle Frankfurt, 30. März 1991, Razors Edge-Tour. Ich war 16. Die Show hat meine Begeisterung für Krachmusik endgültig entzündet – wegen Angus. Und wegen Steffi.

Die Kurzfassung: Ich bin mit meinem Kumpel und seiner kleinen Schwester rein, habe den lieben Gott in einer Schuluniform gesehen und bin dann knutschend mit der kleinen Schwester wieder raus. Oh, yeah. Rock’n’Roll? Das Größte. Da mach ich mit!

Es geht schon am Bahnhof los. Lauter Typen in schwarzen Shirts, überall AC/DC, lange Haare, Büchsbier – bisschen beängstigend, vor allem aber beeindruckend für einen kleinen Landmetaller. So cool alles. Auf einer Treppe hält ein Mensch ein Feuerzeug unter einen verbogenen Löffel. Ich gucke wohl blöd, denn mein Kumpel Alex meint nur: „Alter, der kocht sich kein Süppchen…“ Oh. Ah. Gibt’s bei uns auf dem Dorf nicht. Bisher habe ich nur Klaus Lage in einer kleinen Halle in Trier-Saarburg gesehen (Amtlich-Tour, war großartig). Dicke Rockshows internationaler Kapellen in einer mehrere Stunden entfernten Großstadt fanden in Ermangelung älterer Geschwister oder eines sonstigen Fahrers ohne mich statt.

In Frankfurt sind King’s X als Vorgruppe angekündigt. Hammer. Habe mir gerade das Debüt auf Vinyl gekauft, und „Gretchen Goes To Nebraska“ wird damals in der Jüngelchen-Gang bereits abgefeiert. Was habe mich auf den Auftritt gefreut – neben mir allerdings höchstens noch mein Kumpel und sonst augenscheinlich niemand, vermutlich nicht mal die drei Texaner. Die aggressive Antihaltung des AC/DC-Publikums ist heute legendär; King’s X schrieben später sogar einen Song darüber: „Lost In Germany“. Toll finde ich das trotzdem.

Bei AC/DC ist dann alles zu spät: Alleine die Tatsache, mit meinem erklärten Helden Angus Young in einem Gebäude zu sein (und der kommt aus Australien oder Transylvanien oder so!), finde ich beeindruckend. Ganz zu schweigen von der Lautstärke, dem Groove, den Menschenmassen und der Feierstimmung . Bei der Setlist kriege ich heute noch Pippi inne Augen, auch wegen der vielen Songs von „Blow Up Your Video“. Ich liebe die Platte, meine Initialzündung für alles. Bei „Moneytalks“ regnen Geldscheine von der Decke. (Womöglich liegt das Teil sogar noch irgendwo im Haus meiner Eltern. Ich muss es finden und in einen klimatisierten Safe unter den Alpen bringen.)

Alex verliere ich irgendwann, aber seine kleine Schwester Steffi nicht. Die ist ein paar Jahre jünger als ich und schon ein paar Jahre weiter. Was nicht so schwer ist. Steffi fand ich immer schon gut, man kennt sich aus dem Schulbus. Irgendwann übermannt mich die Begeisterung (für Angus, für die Songs, für Steffi), und ich drücke ihr einen Kuss – auf die Wange, wohlgemerkt, ich war ja schließlich mal Messdiener. Vielleicht lief auch gerade „You Shook Me All Night Long“, weiß ich nicht mehr. Wobei ich damals sicher nicht wirklich verstand, wovon Brian da sang.

Ab da wird das Konzert *noch* besser, wenn das denn irgendwie geht. Die allerallerbeste Band der Welt und dazu die alleraufregendsten Erlebnisse, die man sich als Adoleszent so wünscht. Burner! Für Nerdmaster2000 mit einer Eins in Mathe und einem Zweitwohnsitz in Aventurien nicht so schlecht. Was etwas damit zu tun haben könnte, dass ich ein paar Monate vorher das erste Konzert mit meiner ersten Band „Fridge“ gespielt habe. An der Leadgitarre, wie Angus! Da hat sich wohl was entzündet…

AC/DC kloppen alle Hits raus, „Hells Bells“ und „T.N.T“ zum Beispiel, beide von Fridge gecovert selbstverständlich, aber auch „Heatseeker“ und „Who Made Who“. Manchmal passe ich bei den folgenden Songs nicht so richtig auf, zwinker, zwinker, aber insbesondere Bon Scott hätte das sicher verstanden. Die Musik feiere und fühle ich auch so, ein bisschen im Hirn und noch mehr in Herz und Arsch. Am Ende gibt es, Alter!, Kanonen! Kannte ich nicht. So laut, so geil.

Als Steffi und ich rausgehen, Hand in Hand, treffen wir Alex wieder. Der grinst nur. Wissend. Später wird „Sweet Little Sister“ von Skid Row zu meinem Lieblingssong, besonders, als ich den Text lese. Vor der Tür strömen die Leute in einer schwarzen, gut gelaunt grölenden Masse zu den Parkplätzen, es gibt wildverkauftes Dosenbier. Mit anderen Fans knubbele ich mich vor den Auslagen, die ein Shirtverkäufer auf dem Boden verteilt hat. Komischerweise mache ich mir wegen der viel älteren, größeren, böseren Mitrocker um mich herum so gar keine Gedanken mehr. „Einmal das da, Razors Edge, in L, bitte“. 20 Mark. Noch Jahre später denke ich, dass Bandshirts immer vor der Halle aus Sporttaschen raus verkauft werden. Warum L? Keine Ahnung. L fülle ich nicht mal heute richtig aus, trotz Pandemieplautze. Ich habe das Shirt selbstverständlich noch. Ich sollte es heute tragen. Egal, wie das aussieht. Und ich sollte AC/DC hören. Sehr laut. Denn vor 30 Jahren setzte sich endgültig was fest, das bis jetzt hält. Dabei bin ich mittlerweile älter als die AC/DC-Jungs es damals waren. Egal. That’s The Way I Wanna Rock’n’Roll. Happy anniversary to me.

Epilog: Mit Steffi habe ich eben getickert. Nach der AC/DC-Show waren wir ein kurzes Weilchen zusammen, Teenie-Liebe, zumindest in meinem Fall. (Dabei spielt „Is This Love?“ von Whitesnake eine Rolle, ebenso Blind Guardian, Annihilator, die Zahl 12 und Quietscheentchen, aber das sind andere Geschichten.) Vor ein paar Jahren haben wir uns bei einer Rock Stories-Show in Bernkastel-Kues mal wieder getroffen, das war cool. Unsere Töchter sind gleich alt. Ihren Bruder sollte ich bei Gelegenheit anrufen, mit dem bin ich seit Schulzeiten befreundet. Man könnte sagen: Mit Angus auch.

3 Kommentare

Toll. Vor allem, wenn man genau so vom land kommt, fast gleich alt ist und gerade in einer Pandemie keine Konzerte besuchen darf. Ich würde sogar aldis rache trinken, vorm Eingang, wartend bei minus 5 grad… und gerne wieder mit muddi Proben.. irgendwann bestimmt. Pearl Jam wurde gerade auf 2022 verschoben.. Erst impfen, dann feiern..also doch. Es ist wohl kein fucking Albtraum. Bis dann, leimsen. Weiter so.
Timo

Hey Timo, Danke für’s Lesen. Ich weiß, was du meinst. Halten wir noch ein bisschen durch und hoffen, dass die Ignoranz der Leute nicht vorher alles kapott macht. Bis bald mal irgendwo, C.

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